Von Sabine Christiansen bis zur Kaufmännischen Schule – Arbeitgeberpräsident Dr. Hundt in Künzelsau

Ein Hauch von großer Politik wehte durch die Klassenzimmer in Künzelsaus Kaufmännischer Schule, als Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt, eingeladen vom Schulfreundeskreis, über die Herausforderungen der Zukunft an Politik und Wirtschaft referierte. Als Vorstände des Freundeskreises begrüßten Schulleiter Gerald Bollgönn und Wolf Rothländer von der Firma R. Stahl AG den Gast, den vielfachen Präsidenten und Vizepräsidenten von Verbänden, nicht zuletzt den Aufsichtsratsvorsitzenden des VFB Stuttgart. Seine wichtigste Aufgabe sei jedoch der eigene Betrieb, vor allem die Leitung der Allgaier-Gruppe mit 1800 Beschäftigten, welche die Automobilindustrie beliefert. Ehrenamt sei wichtig, besonders wichtig sei dabei aber, dass es in der betrieblichen Praxis verankert bleibe.

 

Dr. Hundt stellte zunächst die derzeit ungünstigen Rahmendaten in unserem Land zusammen, annähernd Nullwachstum und Schlusslichtposition in der Europäischen Union, 6 Millionen Arbeitslose und weiter rückläufige Zahlen bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, ein hoch verschuldeter Staat, der bald zum vierten Mal die Maastricht-Kriterien nicht erfüllt, und Sorgen für die Zukunft der Sozialversicherungssysteme. Damit sei das Ende unserer Möglichkeiten erreicht. Dr. Hundt respektierte die Entscheidung von Bundeskanzler Schröder vorzeitige Neuwahlen anzusetzen: Vier Monate Stillstand bis zur Wahl seien allemal besser als 16 Monate. Jetzt müssten alle Parteien ehrlich die Karten auf den Tisch legen und dem Wähler reinen Wein einschenken, wie unsere Zukunft gestaltet werden solle.

Zwar seien wir Exportweltmeister, aber nur noch mit weniger als 60 Prozent interner Wertschöpfung. Deshalb müsse die neue Regierung, wie immer sie auch aussehe, vier Hauptschwächen unseres Systems verändern. Zuerst nannte Dr. Hundt die Verringerung der Arbeitskosten durch niedrigere Beiträge zu den Sozialversicherungssystemen, denn auch hier sind wir mit 40 Prozent Weltmeister. Ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts fließe bei uns in die Sozialsysteme. Künftig könne der Staat nur noch die Basissicherung der Bürger übernehmen. Ähnlich wie in der Schweiz müsste jeder Bürger auch bei uns für seine Zukunft sorgen, das sei auch sozialverträglich machbar. Dann müsse die überbordende Bürokratie zurückgestutzt werden. Die Erkenntnis dafür sei vorhanden, nur handele die Politik nicht entsprechend, wie man gerade bei dem Antidiskriminierungsgesetz gesehen habe, auf dessen europäische Vorgabe unsere Politik noch aufgesattelt habe. Weiter nannte der Arbeitgeberpräsident den durch Frühpensionierungen und geltenden Kündigungsschutz zementierten Arbeitsmarkt. Den Arbeitnehmern sei es allemal lieber mit reduziertem Kündigungsschutz beschäftigt zu sein als arbeitslos. Schließlich brauchten wir endlich ein transparentes Steuersystem, das durch Subventionsabbau finanziert werden könne. Reformen brauchten wir auch im Bildungssystem, denn ein Viertel der Bewerber sei nicht ausbildungsfähig, die übrigen Azubis dafür äußerst tüchtig und hoch motiviert, wie er an einem Beispiel aus dem eigenen Betrieb demonstrierte.

 

Bei aller Kritik bekannte sich Dr. Hundt unmissverständlich zur Sozialpartnerschaft und zur Tarifautonomie als der tragenden Säule des sozialen Friedens und unseres marktwirtschaftlichen Systems, das absolut zukunftsfähig ist, solange veränderten Rahmenbedingungen Rechnung getragen und auf der Grundlage des Flächentarifvertrags eine neue Balance gefunden werde. Im Übrigen seien die Tarifpartner weiter als die Politik. Zum Schluss äußerte Dr. Hundt seine Überzeugung, dass unser Volk zu tief greifenden Reformen bereit sei, mehr als die Politik denke, die zu sehr auf kurzfristigen Machterhalt bedacht sei.

 

In der ausgiebigen, offenen und engagierten Diskussion ging es von Wahlzyklen und hemmenden Auswüchsen des Föderalismus über Kaufzurückhaltung verunsicherter Konsumenten, den Ausbildungspakt und schließlich das duale Ausbildungssystem, um das uns viele Länder beneiden. In seinem Schlusswort betonte Wolf Rothländer die hohe Qualität und Motivation der Auszubildenden, nicht aber ohne mit Sorge auf das Viertel zu schauen, das nur eingeschränkt ausbildungsfähig sei und für das neue Wege wie verkürzte und veränderte Ausbildungsgänge gefunden werden müssten. Schließlich kamen auch noch die Fußballfans auf ihre Kosten, die von Dr. Hundt alles über ihren VFB wissen wollten.