Fit fürs 21. Jahrhundert – Schwäbisch Halls Oberbürgermeister Pelgrim spricht über Strukturpolitik und Chancen der Jugend im ländlichen Raum
 

Der Freundeskreis hat eingeladen – OB Hermann-Josef Pelgrim ist gekommen, um vor Schülerinnen und Schülern der Kaufmännischen Schule Künzelsau darzulegen, welche Probleme auf den ländlichen Raum zukommen, der sich angesichts des demografischen Wandels zwischen den Ballungsgebieten positionieren muss, um sich auch weiterhin behaupten zu können. OB Pelgrim stellte sich seinen jugendlichen Zuhörern vor als einen Politiker, der über den zweiten Bildungsweg aus dem Münsterland zum Studium der Volkswirtschaftslehre in den USA kam, dann für die Friedrich-Ebert-Stiftung vier Jahre in Lateinamerika Wirtschaftsprojekte begleitete, nach dem Mauerfall in Stuttgart im ÖTV-Hauptvorstand – heute in VERDI aufgegangen – Strukturen in Osteuropa aufbaute, Tarifverhandlungen führte und über Brüssel, wo er die baden-württembergische ÖTV repräsentierte, nach Schwäbisch Hall kam. Hier wurde er 1997 zum Oberbürgermeister gewählt.

Nach einer scharfsinnigen Analyse des ländlichen Raums am Beispiel des Hohenloher Landes stellte er fest, dass die Politik dafür zu sorgen hat, qualifizierte Beschäftigte von außen hierherzuholen und die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern, die sich nicht im gleichen Maß entwickelt hätten wie die Wirtschaft. Dazu nannte er die Verkehrsinfrastruktur, die seit dem Bau der A6 keine wesentliche Innovation mehr bekommen habe, und die in Richtung Elektromobilität und Bahn gehen müsse. Der Raum mit seinem Geburtenrückgang müsse für Zuwanderer attraktiver werden und dafür mehr Offenheit in der eingesessenen Bevölkerung schaffen. Das Bildungswesen sei im Hochschulbereich in der Region, besonders aber im Hohenlohekreis mit nur drei Studienplätzen pro 1000 Jugendliche gegenüber dem Landesdurchschnitt mit 25 Studienplätzen dramatisch unterversorgt. Die Strukturen seien jedoch entwicklungsfähig, vor allem wenn sich auch der Einzelne gesellschaftlich und politisch einsetzt, in Vereinen, in Parteien, zumindest über die Wahlbeteiligung. Darin pflichtete Schulleiter Gerald Bollgönn dem Referenten bei.

OB Pelgrim machte dann in der ausgiebigen Diskussion die Veranstaltung zum Lehrstück in Politik. Es ging von der Frage, warum die Kunstakademie in Schwäbisch Hall geschlossen worden sei, über Stuttgart 21 und die regionale Verkehrsinfrastruktur, die Schülerbeförderung, die Bewältigung des Doppeljahrgang von Abiturienten durch G8 und G9 bis zur Atompolitik. Als zentrale Frage kristallisierte sich immer wieder heraus, wie die Politik wieder ein Klima des Vertrauens herstellen könne. Auf die Frage, wie er eine Doppelfunktion als Oberbürgermeister und als Abgeordneter bewältigen könne, verwies OB Pelgrim auf andere Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, die Verantwortung in vielen Bereichen trügen. Als konkrete Maßnahmen, die er als Abgeordneter für den Wahlkreis prioritär behandeln würde, nannte er die Elektrifizierung der Hohenlohebahn, flächendeckende Breitband-Verkabelung für schnelle Internetverbindungen und die Umstrukturierung auf erneuerbare Energieträger. Auch würde er daran arbeiten, die Normgrößen für die Ärzteversorgung so zu verändern, dass die Versorgung mit Fachärzten im ländlichen Raum dem wirklichen Bedarf entspräche. Der ländliche Raum müsse künftig verstärkt als Leistungsraum und weniger als Rückzugsraum verstanden werden. Ganz konkret versprach er den vielen Schülern, die jeden Tag aus Schwäbisch Hall zur Kaufmännischen Schule nach Künzelsau fahren, zu prüfen, ob eine schnellere Busverbindung möglich wäre.

Seine Chancen in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt zu werden, sieht OB Pelgrim im geänderten Wahlrecht. Hohenlohe habe als kleiner Wahlkreis nun erstmals die Chance, einen zweiten Abgeordneten nach Stuttgart zu schicken, denn nun gelte bei der Zweitstimmenauszählung nicht mehr die Gesamtstimmenzahl, sondern der Prozentanteil. Und mit zwei Abgeordneten lasse sich für den Wahlkreis in Stuttgart mehr erreichen als mit einem.

Dr. Hans Hagdorn