Vom Kochertal zur Globalisierung

Staatssekretär Rezzo Schlauch spricht am 13.12.2003 vor Schülern der Kaufmännischen Schule Künzelsau

Er sei ja nicht gerade ein typischer Grüner, kein Autogegner oder Befürworter des Rotationsprinzips, hatte Schulleiter Gerald Bollgönn den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit begrüßt, der ganz in intellektuellem Schwarz gekleidet erschienen war. Den typischen Grünen gebe es genauso wenig wie den typischen CDUler oder SPDler, Fundamentalisten allerdings gebe es in jeder Partei, so Rezzo Schlauch, der auf Einladung des Freundeskreises Kaufmännische Schule Künzelsau am Samstag vor Azubis und Absolventen des Zusatzprogramms Fremdsprachen über „Chancen und Risiken der Globalisierung“ sprach. Seine Maxime laute: In der Politik muss man pragmatisch und mit Augenmaß sein Ziel verfolgen. Schlauch, der 1966 in Künzelsau „am anderen Buckel drüben“ sein Abitur machte, hat Künzelsau und seine gemütlichen Cafés in guter Erinnerung. Aus Bächlinger Optik sei es damals zwar nicht gerade die Weltstadt gewesen, aber „durchaus o.k.“.

Und damit war er beim Thema. Ein neuer Dämon sei am Ideologenhimmel aufgetaucht, die Globalisierung, die von linken und rechten Vereinfachern gleichermaßen verteufelt werde. Globalisierungsprozesse veränderten natürlich Strukturen in allen Bereichen und auf allen Ebenen. So müsse sich das Kochertal heute im weltweiten Wettbewerb behaupten, nicht nur in Europa, und da gälten nun einmal andere Standards in der Arbeitswelt und in Sachen Umwelt. Allerdings würden wir nicht mehr zum Niedriglohnland. Diese Entwicklung wandere immer weiter Richtung Osten, wie Schlauch am Beispiel der baltischen EU-Beitrittsländer zeigte, die aus eigener Kraft, ohne ein subventionierendes Westdeutschland die Beitrittskriterien erfüllt hätten. Aber auch dort müsse man damit rechnen, dass man bald nicht mehr wettbewerbsfähig sei. Das Neue an der Globalisierung, die demokratisch von uns gewollt wurde, sei, dass Grenzen u.a. durch das Internet ihre Bedeutung verloren hätten. Dies hätten zum Beispiel die Umweltverbände erkannt, die heute international agieren. Profitiert hätten nicht nur wir von der Globalisierung, sondern auch jene Drittwelt-Länder, die sich der unaufhaltbaren Entwicklung nicht verweigerten. Die große Chance der Landwirtschaft im Hohenlohischen liege in den regionalen Spitzenprodukten, Massenproduktion sei in den Entwicklungsländern einfacher, die sich dann auch zu fairen Bedingungen am Weltmarkt beteiligen könnten. Afrikas Problem sei nicht die Globalisierung, sondern die Korruption der Eliten. Für unsere Wirtschaft gelte, dass wir in Entwicklung und Innovation schneller sein müssen als die anderen, dann könnten wir gefahrlos Produktionen verlagern. Hier ermunterte Schlauch die Azubis auf die Angebote der Schule aufzunehmen und sich ständig weiterzubilden, dann hätten sie eine gute Chance die Zukunft zu bestehen. Allerdings werde es bestimmt Verlierer geben, in der Wirtschaft und bei den Menschen, zum Beispiel in Branchen wie der Textilindustrie. Von den großen Parteien werde bisher nicht ehrlich ausgesprochen, dass wir vom Gedanken an künftige Vollbeschäftigung Abschied nehmen müssten. Die Verlierer der Globalisierung müssten jedoch eine verlässliche Grundsicherung erhalten und wer mehr wolle, müsse dafür in Eigenverantwortung selbst sorgen. Das ziehe einen völligen Wechsel der Sozialsysteme nach sich.

Rezzo Schlauch erschien als ein Politiker zum Anfassen, und in der anschließenden Diskussion teilte er den Ärger über politisches Taktieren und die Unfähigkeit zum Kompromiss in den anhängigen Verhandlungen zur EU-Verfassung in Brüssel oder bei der Steuerreform mit seinen jugendlichen Zuhörern. Zum Thema Kennzeichnung von Produkten bekannte er sich zur Transparenz bei Angaben zu Herkunft und Produktion. Immer mehr Verbraucher wollten heute wissen, was hinter einem Produkt steht und kauften nicht mehr nur nach dem Preis. Dr. Walter Jäger, der Vorsitzende des Freundeskreises, lenkte die Diskussion schließlich noch auf die erschreckende demographische Entwicklung in Deutschland. Auch hier zeigte Schlauch die grüne Flagge. Er sieht den Hauptgrund für die niedrige Geburtenrate nicht im materiellen Minus, wenn man Kinder hat, sondern darin, dass Frauen der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach einer Babypause bei uns fast unmöglich gemacht wird. Wie schwer das ist, zeigte eine Schülerin, Mutter von zwei Kindern so augenfällig, dass Schlauch ihr empfahl ihren Fall jedem Politiker vorzuhalten. Darüber hinaus betonte er, wie wichtig für uns die Zuwanderung ist.